Stimmen hören (Wolfgang Seierl)
In meinem Projekt Stimmen hören beziehe ich mich auf die faszinierende
Theorie Julian Jaynes’, wonach die Skulpturen und Bilder der alten Welt die
Funktion hatten, die Stimmen der Götter in uns leichter vernehmen zu
können. Heute steht die so genannte Informationsgesellschaft vor dem
Problem der Überfülle an Information, die einer Orientierungslosigkeit Raum
gibt und uns Menschen erneut Entscheidungen schwer macht.
In kleinen Klanginstallationen bzw. subtilen klanglichen Interventionen in den
Bereich der genannten Bild- und Skulpturtradition möchte ich auf diese
inneren, verloren gegangenen Stimmen aufmerksam machen. Das
Ausgangsmaterial zu diesen Klanginstallationen bzw. Klangarbeiten sollen
Aufnahmen von Gesprächen mit den Ältesten unserer Gesellschaft, deren
Erfahrungen und Wissen im Überangebot der heutigen Informations-
gesellschaft allzu oft ungehört bleiben und letzten Endes fehlen werden, sein.
Vor allem im ländlichen Bereich sehe ich ein solches Unterfangen als
fruchtbar, weil dort die Tradition in noch größerem Widerspruch zur
modernen Informationsgesellschaft steht. Das Projekt zielt auf die
Aktualisierung unseres Bewusstseins für orale Überlieferung, für den Wert
der Erfahrung älterer Menschen, für Tradition und menschliches
Zusammenleben sowie auf positive Aufmerksamkeit für die Rolle der
zeitgenössischen Kunst im Zusammenhang mit Lebensprozessen.
In seinem Buch The Origin of Concsiousness in the Breakdown of the
Bicameral Mind stellt Julian Jaynes die Theorie auf, dass das menschliche
Bewusstsein sich aus einer halluzinatorischen Geistesart erst vor etwa 3000
Jahren entwickelt hat und sich noch immer weiterentwickelt.
Dieses so genannte Zweikammernsystem der menschlichen Psyche entstand
aufgrund der wachsenden menschlichen Gesellschaft. Nach Jaynes war es
vor allem das Treffen von Entscheidungen, das die Evolution des
menschlichen Gehirns zeitigte: ab dem genannten Zeitpunkt hörten die
Menschen Stimmen, die ihnen sagten, was sie tun sollten und nannten diese
Stimmen Götter. Diese Stimmen waren die Stimmen der erfahrenen
Stammesältesten bzw. ihrer Vorfahren, der toten Könige. Durch das weitere
Anwachsen der alten Gesellschaften ging dieses Zweikammernsystem und
damit die halluzinatorische Fähigkeit der Menschen wieder verloren.
Unsere von unseren Vorfahren bleibenden Dokumente sind stumm. Von den
kleinen Fotografien, die manchmal noch die Gräber schmücken bis hin zu den
Denkmälern und Heiligenfiguren, die uns erinnern oder mahnen wollen, sind
es Bilder, die uns im Gedächtnis bleiben, keine Stimmen mehr.
Projektbeschreibung:
In der Salzburger Gemeinde Stuhlfelden im Oberpinzgau besuche ich die
Gemeindeältesten (aber vielleicht ergänzend auch Kinder, die noch einen
unbeschwerten Zugang zur Welt haben), um mit ihnen Gespräche über ihr
Leben, ihre Einstellung zu den Veränderungen, die sich im Lauf ihres Lebens
in Wissenschaft, Politik und Kultur ergeben haben, ihre Erfahrungen etwa
während des Krieges und der Nachkriegszeit, über ihre Familie, spirituelle
Themen, die Arbeit usw. zu führen.
Die O-Tonaufnahmen dieser Gespräche bearbeite ich und verbinde sie mit
musikalischen Elementen, mit Naturaufnahmen oder sonstigem Tonmaterial
aus dem Ort.
An in Rücksprache mit der Gemeinde bzw. sonstigen Verantwortlichen
(Pfarrer, Private) ausgewählten Orten werden kleine Lautsprechersysteme
angebracht, die über Audioabspielgeräte (iPod) die Gesprächsdokumente
sozusagen veröffentlichen und mit diesen Orten (Skulpturen, Denkmäler,
Grabsteine, Heiligenfiguren, Kruzifixe, Engel über dem Eingang der
Bürglhütte, Gemeindebrunnen usw.) verbinden bzw. verknüpfen. Auf diese
Art werden diese Ikonen der Vergangenheit wieder lebendig, bekommen
Stimmen, die uns mit unseren Ansichten und Problemen in ein aktualisiertes,
dynamisches, lebenskulturelles System einbinden können. Diese von vielen
Menschen in Zeiten der medialen Bilderfluten oft nicht mehr wirklich
wahrgenommenen aber dennoch wirkenden Relikte vergangener Zeiten
werden wieder zu aktuellen, sprechenden Kunst-Orten.
Soweit es möglich ist, werde ich Salzburger KünstlerInnen als GestalterInnen
der Klanginstallationen mit einzubeziehen (angefragt Esther Moises, Manuel
de Roo, Max Kickinger)
Die Jury unterstützt das Projekt „Stimmen hören“, eine akustische Intervention im öffentlichen Raum. Das Konzept
ermöglicht den Transfer von akustischen Aufzeichnungen in die Gegenwart, versucht Traditionen und erzählte
Überlieferung für die diese nutzbar zu machen. Dabei werden Orte der Bild- und Skulpturtradition mit einer akustischen
Ebene gespiegelt. Wir begrüßen außerordentlich die Verbindung von erlebter, regionaler Geschichte mit realen
gegenwärtigen Lebensbereichen durch den Einsatz neuer Technologien.























